Termin Details

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Im Garten des Haus Mainusch am Freitag, den 21.08.2020

Einlass ab: 18:30 Uhr
Beginn der Lesung : 20:00Uhr
Eintritt: Spendenbasis

Für ausreichende Bestuhlung wird gesorgt. Es gelten die aktuellen Hygienerichtlinien wie bei generellen Veranstaltungen im Freien :).
Bitte denkt an euren Mundschutz zur Begehung des Toilettenwagens. Danke. Stay Safe


Jan Off , wer ist das überhaupt?

Lesungen von Jan Off sind wie ein Ritt auf der Rasierklinge. Du weißt
nie, welche Gehirnhälfte dir der messerscharfe Vortrag des Autors durchtrennt. Ob der National-Poetry-Slam-Champion von 2001 sich an das angekündigte Programm hält, ist ebenso ungewiss, wie die Frage, ob er seine Zuhörerschaft charmant umgarnen oder nicht minder charmant beleidigen wird. Abschweifungen gehören in jedem Fall genauso zum guten Ton wie spontane Reaktionen auf Äußerungen aus dem Publikum. Das ist echtes Stand-up, wenn auch im Sitzen dargeboten. Nicht selten poetisch, nicht selten politisch, immer aber
unterhaltsam. Denn eins hat der Verfassers des Kultromans
„Vorkriegsjugend“ seit Punkrocktagen verinnerlicht: Wenn nicht
irgendwas verspritzt wird, ist es nicht meine Party.

Das Fachpublikum und andere Strauchdiebe sind sich sicher: Der Schriftsteller Jan Off ist der Quentin Tarantino zeitgenössischer Pulp-Literatur. Die Storylines seiner preisgekrönten Kurzgeschichten und Romane, die Genre-Großmeister wie Charles Bukowski, Jörg Fauser oder Norman Mailer zu Epigonen degradieren (Angabe ohne Gewähr), sind dabei ähnlich bunt wie die traditionell farbbeutelverzierte Fassade des SPD-Parteibüros in St. Pauli. Wortgewaltig und mit erzählerischer Finesse erweckt Jan Off Charaktere abseitiger Milieus zum Leben, deren Meldeadresse die Gosse ist: In seinen Geschichten stehen Trinkhallenphilosophen, psychotische Punks, straßenschlachterprobte Jungautonome und klebstoffschnüffelnde Kleinkriminelle ähnlich selbstverständlich im Mittelpunkt wie der Zahnarztsohn aus Blankenese beim Kreisschubsen auf Billstedter Schulhöfen.

Lebte Jan Off in der Vergangenheit bereits in sämtlichen deutschen Metropolen, die im Diercke-Atlas verzeichnet sind (Braunschweig, Darmstadt), ist er seit einigen Jahren in Hamburg ansässig. In jener verkommenen Stadt also, in der es zum innenpolitischen Brauchtum gehört, Junkies, Obdachlose und gegenkulturelle Störfaktoren regelmäßig aus dem städtischen Kerngebiet zu verdrängen – und auch darüber hinaus jeden noch so mikroskopischen Rest an Urbanität durch Glasbauten, Flagshipstores und provinzielle Großereignisse wie Harley Days und Schlagermove der Lächerlichkeit preiszugeben. Welche bessere Kulisse kann es also für Jan Offs schriftstellerisches Schaffen geben, in dem gescheiterte Existenzen, die in der verwalteten Welt keinen Platz haben, tagtäglich, ob sie es wollen oder nicht, gegen die zu Anpassung und Funktionalität erziehenden gesellschaftlichen Verhältnissen anrennen?

Die Welt mag den Zombies, Spießern und Idioten gehören: Solange Jan Off in seinem Werk die Ausgespuckten, Ausgeschlossenen und Außenseiter dieser Gesellschaft zum Subjekt macht, bleibt die Hoffnung auf eine andere Welt jenseits der organisierten Traurigkeit des Kapitalismus lebendig, und sei es nur mit Pflegestufe 13.